Ein überfälliger Liebesbrief

Liebes Buch,

unsere Beziehung dauert nun schon viele Jahre. Wenn man es genau nimmt, deutlich mehr als dreißig. Seit ich mich allein und zielgerichtet fortbewegen kann, hat es mich zu dir hingezogen. Anfangs warst du noch aus Pappe. Mit vielen Bildern (nicht immer habe ich sie verstanden) und wenig Text (den habe ich sowieso noch nicht verstanden). Mit deinen zarteren Seiten konnte ich damals noch nicht umgehen. Das eine oder andere Vorwort fiel meiner Faszination zum Opfer.
Doch das änderte sich schnell. Als ich durch dich und die Unterstützung der Gebrüder Grimm lesen lernte, eröffneten sich mir auf einmal ungeahnte Welten. Stunden- ja manchmal sogar tagelang konnte ich mich in deinen Seiten verlieren. Ich erlebte Abenteuer, reiste quer durch die Welt, forschte nach dem Schatz im Silbersee, war den grauen Herren auf der Spur und später von Scarlett O’Hara genervt. Ich fieberte mit den Helden und Heldinnen, die deine Seiten bevölkern, litt mit ihnen, verliebte mich manchmal ein bisschen und weinte bittere Tränen, wenn sie Schicksalsschläge einstecken mussten.
In dir konnte ich nachschlagen, wenn ich ein Wort nicht wusste oder mit den Hausaufgaben nicht weiterkam. Durch dich lernte ich fürs Leben: wie man Kartoffelpuffer macht, französische Verben konjugiert, Topflappen häkelt oder fachgerecht tapeziert …
Und durch dich lernte ich auch Dinge, die ich im Leben wahrscheinlich nie wieder brauche. An manchen deiner Texte habe ich mir die Zähne ausgebissen, sie analysiert, nicht kapiert und manchmal nur sprachlos vor der fast willkürlich wirkenden Ansammlung von Fremdworten gesessen, die in Satzmonstern verpackt waren.

Du hast meinen Horizont erweitert und machst das noch immer. Du lässt mich in die Gedanken anderer Menschen eintauchen und verführst mich so ganz leise zum Nachdenken und Selberdenken.
Nicht zuletzt hast du in mir die Liebe zur Sprache geweckt. Das Gefühl, wenn ich Worte lese, die in mir eine Seite zum Klingen bringen oder wenn ich Sätze finde, die genau das ausdrücken, was ich schon lange sagen wollte, aber nie so treffend in Worte fassen konnte: unbeschreiblich.
Und das sind nur deine inneren Werte.

Ich liebe es, an dir zu schnuppern, wenn du ganz frisch ausgepackt bist. Der leise Hauch von Druckerschwärze. Mmhhh. Dein Rücken liegt wunderbar in meiner Hand und man sieht dir an, dass du mir viel Liebe zum Detail geschaffen wurdest. Und dann das Rascheln der Seiten beim Umblättern oder das samtige Gefühl, wenn man über dein Papier streicht. Ich muss gestehen, dass du so manches Mal den Weg in meinen Einkaufskorb gefunden hast, weil ich dich einfach so schön fand.

In letzter Zeit machst du dir Sorgen, weil ich gelegentlich mit elektronischen Lesegeräten gesehen wurde. Aber ich kann dich beruhigen: Das ist nichts Ernstes. Es sind nur schnelle Lesegelegenheiten unterwegs, nüchterne Informationsaufnahmen oder flüchtiges Konsumieren von Texten. Das ist keine Konkurrenz für dich.
Du schaffst besondere Momente. Lieblingsbücher. Dich sehe ich immer wieder gern im Regal an und nehme dich zur Hand. In dir verbergen sich Schätze, Andenken, Erinnerungen. Dich bekomme ich geschenkt, vererbt, dich finde ich in Antiquariaten. Du enthältst nicht nur Geschichten, du hast eine eigene Geschichte.

Gemeinsam haben wir viele literarische Höhen und Tiefen durchlebt, so viele Abenteuer bestanden und uns mit so vielen Themen beschäftigt. Und das wird sich auch nicht ändern. Zwischen uns passt – wortwörtlich – kein Blatt. Das wollte ich dir nur mal sagen. Nicht nur, weil gerade die Frankfurter Buchmesse beginnt, sondern einfach, weil du das wissen solltest.

Du bist etwas Besonderes.

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