Ein Reisetagebuch schreiben. Warum es sich lohnt und wie man am besten anfängt

Seit meiner Teenager-Zeit (die zugegebenermaßen schon ziemlich lange zurückliegt) habe ich auf Reisen immer wieder Tagebuch geführt. Mal mehr, mal weniger. Anfangs waren das ein paar Stichpunkte mit den Ereignissen des Tages, später kamen Eindrücke hinzu, die mich bewegt haben oder besondere Entdeckungen. Manchmal sind sogar kleine Skizzen oder Kritzeleien ins Reisetagebuch gewandert .

Wenn ich später (gern bei Umzügen oder Aufräumaktionen) auf solche alten Notizen gestoßen bin, war das immer ein wenig wie beim Heben eines Schatzes. Oft war ich amüsiert über mein jüngeres Ich und die Dinge, die mich damals beeindruckt haben. Manchmal erinnerte ich mich an Momente und Erlebnisse, die ich schon lange vergessen hatte. Und manchmal kam es sogar vor, dass der Reiseort vor meinem inneren Auge wieder lebendig wurde und ich kurz das Gefühl hatte, wieder dort zu sein. Ein spontaner Miniurlaub – wenn auch nur in Gedanken.

Warum sich ein Reisetagebuch lohnt

Zugegeben, ein Reisetagebuch zu führen, braucht auch ein bisschen Zeit. Nicht viel, aber ein paar Minuten sollte man sich (fast) jeden Tag dafür nehmen. So viel Aufwand im Urlaub, lohnt sich das? Definitiv.

  • Es ist das beste Souvenir, das man mitbringen kann.
  • Es hilft dabei, Erlebnisse und Eindrücke gedanklich zu sortieren und in Erinnerung zu behalten.
  • Man hat einen Ort für die ganzen Schnipsel, Tickets und Papierchen, die sonst immer irgendwo herumfliegen.
  • Man gibt sich selbst die Chance, die Reise bzw. besondere Orte später beim Lesen noch einmal zu erleben.
  • Außerdem lassen sich die Urlaubsfotos viel besser zuordnen, wenn man nachschauen kann, wann was wo war :-)
  • Man erlebt viele Orte bewusster, weil man Eindrück sammelt, die sich später zu Papier bringen lassen.
  • Es macht einfach Spaß!

Reisetagebuch Collage

Ein kleines Journaling-Kit packen

Nach meinen über die Jahre verteilten Reisetagebuch-Experimente weiß ich mittlerweile, was mich im Urlaub bei Schreiblaune hält und welche Materialien ich unterwegs brauche. Für unsere Südengland-Tour habe ich mich strategisch vorbereitet, ein Mäppchen mit den nötigen Utensilien gepackt und mir ein Wunsch-Tagebuch gebunden.

Reisetagebuch Material für unterwegs_klein

Das sollte man unterwegs dabeihaben:

  • Kugelschreiber
  • Bleistift und Radiergummi
  • kleine Schere
  • Klebestift
  • Farben (ein paar Buntstifte oder Wasserfarben)
  • ein Reisetagebuch natürlich (dieses hier gibt es z.B. auch in meinem Etsy-Shop)

 

Schreib-Tipps

Mein Tagebuch hat mich zwei Wochen lang begleitet und steckt nun voller Erinnerungen. Jeden Abend habe ich mich einen Moment hingesetzt, auf den Tag zurückgeblickt und die Dinge festgehalten, die ich besonders/schön/erinnerungswürdig fand. Das muss übrigens nicht zwangsweise in klassischer Tagebuchtextform passieren. Das Tolle am eigenen Reisejournal: dein Tagebuch – deine Regeln.

Vielleicht bist du eigentlich kein Tagebuchschreiber und fragst dich, was du bloß in deinem Journal festhalten sollst? Dann hab ich hier ein paar Anregungen, mit denen der Spaß auch im Laufe der Zeit nicht auf der Strecke bleibt.

Aufgeschnapptes

Dialoge, lustige Schilder, Sprüche, Running-Gags. Schnapp was auf und notier es – du kannst es sogar lettern oder besonders gestalten.
Einer unserer Dauersprüche war z.B. „Don’t feed the seaguls“ (Keine Möwen füttern). Einmal stand nämlich jemand fast genau neben solch einem Schild – und fütterte Möwen mit Brot. Und auch sonst hatten wir ein paar besondere Möwen-Situationen. Immer, wenn ich jetzt eine sehe, muss ich an diesen Satz denken.

Geheimtipps

Dieses eine Café mit dem besten Schokokuchen der Welt oder der Tearoom, in dem man ein wunderbares und günstiges Lunch bekommt, eine versteckte Bucht oder Aussicht. Schreib deine Geheimtipps auf.

Schnipsel, Schneiden, Kleben

Im Laufe einer Reise sammeln sich bei mir immer viele Papier-Souvenirs an – Eintrittskarten, Tütchen, Etiketten, Broschüren. Statt all das zu sammeln und zu Hause nicht mehr zu wissen, was ich damit eigentlich anfangen soll, klebe ich solche Erinnerungen direkt im Urlaub ein.  Ich schneide aus, schneide zurecht und habe alles an einer Stelle.

Reisetagebuch schreiben_kleben

Skizzen und Farben

Du kannst nicht malen? Völlig egal. Manchmal fängt man Stimmungen allein durch Farben ein. Trau dich und probier was aus. Du kannst ja einfach mit einigen  Miniskizzen oder ein paar Farbklecksen auf der Seite beginnen.

Traveljournal2_klein

Datieren

Du kannst chronologisch in dein Tagebuch schreiben oder frei nach Stimmung und Laune. Schreib nur an deine Einträge ein Datum und – wenn du viel herumreist – den Ort. So behältst du auch später den Überblick.

Stimmungen festhalten

Diese Urlaubsmomente, in denen sich alles irgendwie perfekt anfühlt. Fang sie ein, beschreib sie. Nutze alle Sinne dafür: die Sonne auf der Haut, der Geruch nach Meerwasser oder Pinienwäldern, das Rauschen der Wellen, der Geschmack der Lieblingsspezialität … je konkreter, desto besser.

Mut zur Lücke

Du musst nicht alles festhalten oder gar systematisch auflisten. Weniger ist mehr. Konzentrier dich auf Momente und Erlebnisse, an die du dich erinnern möchtest und lass Unwichtiges weg. Wenn du keinen Spaß daran hast, es aufzuschreiben, dann muss es auch nicht in dein Reisejournal.

Dein Buch – deine Regeln!

Man kann ein persönliches Tagebuch nicht richtig oder falsch schreiben. Die Hauptsache ist, dass es dir beim Schreiben und Gestalten Freude bereitet und hinterher noch einmal, wenn du in deinen Erinnerungen blätterst!
Also keine falschen Hemmungen. Mach mit deinem Buch, worauf du Lust hast.

Reisejournal Erinnerungen schaffen

Bist du selbst schon lange leidenschaftlicher Tagebuchschreiber? Oder hast Lust bekommen, es einfach mal auszuprobieren?

Sommerliche Grüße und eine schöne Urlaubszeit

Anne

 

Buchseite goes Bilderrahmen – ein Art-Journaling-Ausflug

Der geneigte Leser hat sicherlich schon festgestellt, dass ich mein Leben mit ziemlich vielen Büchern teile. Das ist meistens sehr schön (außer, man zieht gerade um). Nun würde ich gern behaupten, dass ich all die vielen Bücher gleich behandle. Das wäre aber gelogen. Insgeheim unterteile ich sie nämlich in Kategorien.
Da sind z.B. Lieblingsbücher, deren Inhalt so großartig ist, dass ich sie nicht missen will und immer wieder in ihnen blättere (in diese Kategorie schaffen es allerdings nicht viele). Es gibt schöne Bücher, die künstlerisch und handwerklich so toll sind, dass der Inhalt Nebensache wird. Es gibt sentimentale Bücher – die sind eigentlich nicht spektakulär, ich verbinde nur bestimmte Momente oder ein Lebensgefühl mit ihnen. Ein ziemlich großer Teil gehört zur Kategorie „Hab ich mal gelesen, werde ich vermutlich kein zweites Mal lesen, kann mich aber nicht dazu aufraffen, sie auszusortieren“. Dann gibt es noch die „Nichts für mich, geb ich aber weiter“-Bücher, Altpapierkandidaten (mieser Inhalt, lausige Verarbeitung) und „Material“-Bücher.
Mit der letzten Gruppe stelle ich alles Mögliche an und manchmal verbergen sich sogar kleine Schätzchen darin. Denn auch wenn der Inhalt nichtssagend ist oder mich der Schreibstil nervt, fallen mir beim Durchblättern Sätze auf, die die Kreativität anstupsen. Und es wäre ja schade, solche Sätze völlig ungenutzt zu lassen. Also habe ich sie zum Ausgangspunkt eines kleinen Art-Journaling-Experiments gemacht. Bisher habe ich mich mit diesem Thema noch nicht wirklich praktisch beschäftigt und ich war überrascht, wie viel Spaß ich dabei hatte. Vor allem, weil ich einfach ohne Plan angefangen habe, und mich kreativ treiben ließ. Da bin ich gelandet:
Mixed Media Buchseiten_klein

Die wichtigste Regel: Es gibt keine Regeln.
Ich habe mich einfach durchprobiert. Zuerst braucht man natürlich einen Satz, der Inspirations-Potenzial hat. Bei mir war das „Seit zweihundert Jahren erheben sich Menschen in die Lüfte, und zuvor haben sie schon jahrtausendelang davon geträumt“. Dass es auch optisch ums Fliegen gehen sollte, erklärt sich quasi von selbst.
Die Buchseite habe ich vorsichtig herausgerissen und den zentralen Satz mit Bleistift markiert, damit ich ihn im Eifer des Gefechts nicht übermale. Dann habe ich die gesamte Seite mit Acrylfarbe grundiert. Ich mische gern einen Teil Acrylmedium unter die Farbe, dann wird die Grundierung ein bisschen transparenter und der Schriftsatz scheint durch.
Buchseite Acryl Grundierung_klein
Beim Thema Fliegen dachte ich an Heißluftballons, also habe ich einen gemalt. Dabei fiel mir ein, dass ich noch ein paar Schnipsel eines Buntpapiers habe, auf dem alte Himmelskarten abgebildet sind. Der Schnipsel kam mit auf die Seite, damit trotzdem alles eine Einheit bildet, habe ich die Farben auch dort weitergeführt.
Buchseiten Grundierung Illu_klein
Während ich so vor mich hin malte, hatte ich den Sinatra-Song „Come fly with me, let’s fly, let’s fly away …“ im Kopf (ja, mein Hirn ist manchmal sehr unterhaltsam). Also kam das „fly away“ mit auf die Seite. Zum Schluss habe ich einige Bereiche noch mit Acrylfarbe aufgehellt, andere abgetönt – und fertig.
Mixed Media Buchseiten Ballon_klein
Ich war direkt angefixt und konnte nicht gleich wieder aufhören. Einige Seiten weiter habe ich nämlich folgenden Satz gelesen: „Dieses Buch haben noch keine fünfzig Menschen zu Gesicht bekommen.“ Der Alptraum jedes Verlegers! Ach, hatte ich Spaß damit.
Mixed Media Buchseiten Lesen_klein
Natürlich war dieser Satz im Kontext ganz anders gemeint. Ich habe mir trotzdem die Freiheit genommen, ihn völlig neu zu intepretieren. Das ist nämlich das Großartige an dieser Umgestaltung: Du nimmst dir einen Satz und erzählst damit deine ganz eigene Geschichte. Nur so zum Spaß. Und den macht es!

Also werft doch mal einen Blick in eure literarischen Aussortier-Kandidaten. Vielleicht schlummern ja kleine Satz-Schätzchen auf den Seiten.

Herbstgedanken

Der Herbst ist ein Künstler. Er liebt die großen Gesten, lässt Farben explodieren, malt die Welt an mit seiner reichen Palette. Von leuchtendem Gold bis zu den sattesten Rottönen. Er bringt Blätter zum Tanzen und lässt Kastanien und Eicheln ein Stakkato dazu trommeln. Lebensfreude und Übermut. Zurückhaltung verschiebt er auf später.

goldener Oktober_klein

Der Herbst ist ein Poet. Er beherrscht auch die Zwischentöne. Lässt feine Nebelschwaden über den Senken schweben. Zeichnet filigrane Lichtmuster auf Waldböden und überzieht die Morgen und Abende mit einem warmen Schimmer.

Der Herbst ist ein Melancholiker. Wie keine Jahreszeit sonst verbindet er überbordende Schönheit mit dem Wissen um deren Vergänglichkeit. Neben strahlend blauem Himmel kennt er auch die verhangenen, trüben Tage, in denen alle Konturen zu verschwimmen scheinen und Grau sich wie ein Mantel auf die Welt legt.
Blick auf Kirche_klein

Ich liebe den Herbst. Mit all seinen Seiten.

Er ist ein ausgezeichneter Lehrer, der daran erinnert, den Moment nicht zu verpassen. Das Spektakel zu genießen, das sich vor den Sinnen entfaltet. Genau hinzuschauen, wo doch der Blick auf jedes einzelnen Blatt lohnt.

Farbgetupft_klein

Den Herbst kann man nicht warten lassen. Man muss ihn bestaunen, wenn er sich in all seiner Pracht zeigt.

Blick mit Hagebutte_klein

Zwei großartige Autoren, die du garantiert noch nicht kennst

Im wirklichen Leben mach ich ja was mit Büchern. Wer jetzt vermutet, ich säße den ganzen Tag mit dem Rotstift in der Hand in einem stillen Kämmerlein, der irrt. Nicht nur, dass es nicht immer still ist, nein, neben der Textarbeit gibt es noch eine Menge anderer Dinge, mit denen ich mich beschäftige. Zum Beispiel – Überraschung – mit Autoren. Es macht immer viel Spaß, gemeinsam ein Buchprojekt aus der Taufe zu heben. Im Laufe dieses Projektes lernt man sich natürlich ein bisschen kennen und ich kann sagen, dass die meisten Autoren tolle Menschen sind. Zwei ganz besonders tolle muss ich euch jetzt unbedingt mal vorstellen. Da außerdem gerade Buchmesse ist, passt das sowieso gut.

Für mich war es ein echtes Vergnügen, mit diesen beiden Frauen zusammenzuarbeiten. Sie sind total unterschiedlich, ihre Themen liegen ziemlich weit auseinander, aber zwei Dinge haben sie gemeinsam: Sie haben einen tollen Erzählstil und sie trauen sich, offen und ehrlich zu schreiben. Sie lassen die Leser in ihre Gedanken- und Gefühlswelt schauen und schreiben über die Fragen, Zweifel, Sorgen, die uns alle irgendwie umtreiben. Das imponiert mir ungemein.

Doch genug der Vorrede.
Veronika Smoor hat ihr Buch dem Thema Gastfreundschaft gewidmet. Sie schreibt über gutes Essen, Begegnungen, geteiltes Leben und die wunderbaren Momente, die am Tisch entstehen können. Das tut sie auf eine Weise, die einen quasi dazu animiert, jetzt sofort auch irgendwas zu kochen und Freunde einzuladen. Wer Veronika ein bisschen kennenlernen möchte (und man kann eigentlich nicht anders, als sie zu mögen), der kann sich in ihrem Blog festlesen. Sie schreibt nicht nur toll, sie macht auch wunderschöne Fotos. Und habe ich schon erwähnt, dass sie klasse kocht? Das ist nämlich auch ein zusätzliches Bonbon: Jedes Kapitel ihres Buches schließt mit einem handverlesenen Lieblingsrezept. Von ihr habe ich auch den Tipp für den weltbesten Kürbiskuchen, mittlerweile mehrmals ausführlich getestet und immer wieder gern gebacken (und auch im Buch).
Und wie heißt ihr Buch jetzt endlich? Das will ich natürlich nicht unterschlagen: Willkommen an meinem Tisch.
Cover Willkommen an meinem Tisch
Der Name ist Programm (es gibt übrigens wunderschön gestaltete Innenseiten, müsst ihr mal einen Blick reinwerfen).

Die andere großartige Frau heißt Johanna Klöpper. Mit ihr kann man herrlich obskure E-Mails tauschen, sie hat keine Angst vor schweren Themen und ist insgesamt einfach cool. Und singen kann sie auch noch.
Ihre Texte haben mich zum Lachen und zum Weinen gebracht, manchmal beides gleichzeitig. (Irgendwie kommt man sich nur so mittel professionell vor, wenn man beim Lektorieren die Taschentuchpackung am Rechner liegen hat.) Sie schreibt übers Sterben. Nicht, weil sie darin selbst so viel Erfahrung hätte, sondern, weil es das Thema ist, das ihr am meisten Angst macht (damit ist sie sicher nicht allein). Im Gegensatz zu uns Verdrängungskünstlern geht sie der Sache aber auf den Grund. Manchmal bis an die Schmerzgrenze. Und trotzdem ist es ein Buch, das einem am Schluss mit einem dicken Grinsen und ganz viel Lebensfreude entlässt: Leben ist das neue Sterben. Unbedingt lesen!
Cover Leben ist das neue Sterben

Johanna ist übrigens am Sonntag auch live auf der Buchmesse zu erleben (12:30 Uhr im Lesezelt). Und auch sie bloggt. Zum Beispiel diesen tollen Beitrag.

So. Das war jetzt ziemlich viel Text, aber das musste unbedingt mal gesagt werden :-) Und vielleicht konnte ich euch ja ein bisschen neugierig machen. Die beiden sind einfach toll. Und Bücher kann man ja nie genug haben.

Kleines Hausmittel gegen Schreibblockaden

oder: Die Angst des Bloggers vor dem leeren Bildschirm

Stell dir vor, du sitzt mit besten Vorsätzen an einem Blogbeitrag/Hausarbeit/Manuskript/Whatsoever. Du öffnest ein neues Dokument, legst die Finger auf die Tastatur, holst tief Luft und … nichts. Dir fällt einfach nichts ein. Jedenfalls nichts, was originell, sinnvoll oder tiefgründig genug wäre, um es zu Papier bzw. zu Dokument zu bringen. Du starrst auf den Bildschirm, dann in die Luft. Dir fällt auf, dass dein Stuhl unbequem ist …

An dieser Stelle setzen meist akute Prokrastinationsschübe ein (im Volksmund auch Aufschieberitis genannt). Du musst jetzt unbedingt alle deine Bücher nach Farben sortieren, Marmelade kochen, Katzenvideos auf YouTube schauen oder wenigstens prokrastinieren googeln …

Kommt dir irgendwie bekannt vor?

Durch jahrelange knallharte, investigative Recherche (=Selbstbeobachtung) kann ich fundiert behaupten, dass meistens eine von zwei möglichen Ursachen hinter der Schreibblockade steckt:

a) Dir fällt überhaupt nichts zum Thema ein. Gähnende Leere im Hirn.

b) Du hast so viele Gedanken und Teilaspekte im Kopf, dass du überhaupt nicht weißt, an welcher Stelle du anfangen sollst. Von sinnvoller Struktur ist schon mal gar nichts zu sehen.

Und gegen beide hilft das gleiche Hausmittel. Wie praktisch.

Diesen Beitrag wollte ich zum Beispiel schon seit Tagen geschrieben haben. Allerdings hatte ich total viele wichtige Dinge zu tun. Ja, wirklich. Ich musste zum Beispiel ganz dringend Marmelade kochen.
Bei mir steckte ein klarer Fall von Variante b) dahinter: ein Gedankenknäuel ohne Packende.

Und was hat jetzt geholfen?

Das:
just write
Klingt komisch, hilft aber: einfach schreiben. Und ganz wichtig: ohne Selbstzensur im Kopf. Greif dir den erstbesten Gedanken, der dir zum Thema durchs Hirn schießt und schreib ihn auf. Verfolge ihn weiter, und schau einfach mal, wohin er dich führt. Bei Schreibblockade a) taucht irgendwann eine Formulierung auf oder es bildet sich eine Idee, die dich packt. An der du dich festhalten kannst, und die fast von ganz allein in ein Thema führt. Manchmal reichen ein paar Sätze, manchmal muss man eine Weile stur schreiben – um dann völlig überrascht zu sein, wo man gedanklich gelandet ist.

Bei Schreibblockade b) funktioniert das genauso. Einfach alles aufschreiben, was einem so zum Thema durchs Hirn wabert. Früher oder später kristallisiert sich ein Kerngedanke heraus, der plötzlich Sinn ergibt, und um den sich ein Inhalt konzipieren lässt.

In hartnäckigen Fällen nach dem ersten Wild-drauflos-Schreiben eine Schreibpause einlegen. Ein, zwei Tage nicht dran denken, das gibt dem Hirn Gelegenheit, die Dinge ein bisschen zu sortieren. Und oft taucht dann in völlig entspannten Momenten DER Gedanke auf. Das habe ich tatsächlich schon oft erlebt.

In meinem speziellen Fall hieß das: zwei angefangene Artikel im Notizbuch mit Ideen und Gedankengängen, die allerdings ziemlich konfus waren und zu keinem Ziel kamen.

Dafür überfiel mich heute an der Bushaltestelle die Erkenntnis, dass ich eigentlich über Schreibblockaden schreiben sollte. Und tatsächlich hatte ich darüber in den beiden vorherigen Anläufen schon teilweise nachgedacht – nur, dass die noch in eine ganz andere Richtung führten. Auf einmal wusste ich aber, wo und wie ich anfangen wollte. Zusätzlich hatte ich aber noch eine Menge anderer Gedanken und Sätze im Notizbuch stehen, die ich an anderer Stelle mal wieder aufgreifen kann. Bei der nächsten Schreibblockade zum Beispiel.

Und jetzt habe ich nicht nur mein persönliches Soll erfüllt und einen neuen Beitrag geschrieben – zusätzlich habe ich auch frisch gekochte Marmelade im Vorratsschrank und einen neuen Linoldruck im Shop. Es lebe die Schreibblockade :-)

Wer sich zu Motivationszwecken eine Schreiberinnerung an die Wand hängen oder auf den Schreibtisch stellen möchte, findet die ab sofort hier.

Ein überfälliger Liebesbrief

Liebes Buch,

unsere Beziehung dauert nun schon viele Jahre. Wenn man es genau nimmt, deutlich mehr als dreißig. Seit ich mich allein und zielgerichtet fortbewegen kann, hat es mich zu dir hingezogen. Anfangs warst du noch aus Pappe. Mit vielen Bildern (nicht immer habe ich sie verstanden) und wenig Text (den habe ich sowieso noch nicht verstanden). Mit deinen zarteren Seiten konnte ich damals noch nicht umgehen. Das eine oder andere Vorwort fiel meiner Faszination zum Opfer.
Doch das änderte sich schnell. Als ich durch dich und die Unterstützung der Gebrüder Grimm lesen lernte, eröffneten sich mir auf einmal ungeahnte Welten. Stunden- ja manchmal sogar tagelang konnte ich mich in deinen Seiten verlieren. Ich erlebte Abenteuer, reiste quer durch die Welt, forschte nach dem Schatz im Silbersee, war den grauen Herren auf der Spur und später von Scarlett O’Hara genervt. Ich fieberte mit den Helden und Heldinnen, die deine Seiten bevölkern, litt mit ihnen, verliebte mich manchmal ein bisschen und weinte bittere Tränen, wenn sie Schicksalsschläge einstecken mussten.
In dir konnte ich nachschlagen, wenn ich ein Wort nicht wusste oder mit den Hausaufgaben nicht weiterkam. Durch dich lernte ich fürs Leben: wie man Kartoffelpuffer macht, französische Verben konjugiert, Topflappen häkelt oder fachgerecht tapeziert …
Und durch dich lernte ich auch Dinge, die ich im Leben wahrscheinlich nie wieder brauche. An manchen deiner Texte habe ich mir die Zähne ausgebissen, sie analysiert, nicht kapiert und manchmal nur sprachlos vor der fast willkürlich wirkenden Ansammlung von Fremdworten gesessen, die in Satzmonstern verpackt waren.

Du hast meinen Horizont erweitert und machst das noch immer. Du lässt mich in die Gedanken anderer Menschen eintauchen und verführst mich so ganz leise zum Nachdenken und Selberdenken.
Nicht zuletzt hast du in mir die Liebe zur Sprache geweckt. Das Gefühl, wenn ich Worte lese, die in mir eine Seite zum Klingen bringen oder wenn ich Sätze finde, die genau das ausdrücken, was ich schon lange sagen wollte, aber nie so treffend in Worte fassen konnte: unbeschreiblich.
Und das sind nur deine inneren Werte.

Ich liebe es, an dir zu schnuppern, wenn du ganz frisch ausgepackt bist. Der leise Hauch von Druckerschwärze. Mmhhh. Dein Rücken liegt wunderbar in meiner Hand und man sieht dir an, dass du mir viel Liebe zum Detail geschaffen wurdest. Und dann das Rascheln der Seiten beim Umblättern oder das samtige Gefühl, wenn man über dein Papier streicht. Ich muss gestehen, dass du so manches Mal den Weg in meinen Einkaufskorb gefunden hast, weil ich dich einfach so schön fand.

In letzter Zeit machst du dir Sorgen, weil ich gelegentlich mit elektronischen Lesegeräten gesehen wurde. Aber ich kann dich beruhigen: Das ist nichts Ernstes. Es sind nur schnelle Lesegelegenheiten unterwegs, nüchterne Informationsaufnahmen oder flüchtiges Konsumieren von Texten. Das ist keine Konkurrenz für dich.
Du schaffst besondere Momente. Lieblingsbücher. Dich sehe ich immer wieder gern im Regal an und nehme dich zur Hand. In dir verbergen sich Schätze, Andenken, Erinnerungen. Dich bekomme ich geschenkt, vererbt, dich finde ich in Antiquariaten. Du enthältst nicht nur Geschichten, du hast eine eigene Geschichte.

Gemeinsam haben wir viele literarische Höhen und Tiefen durchlebt, so viele Abenteuer bestanden und uns mit so vielen Themen beschäftigt. Und das wird sich auch nicht ändern. Zwischen uns passt – wortwörtlich – kein Blatt. Das wollte ich dir nur mal sagen. Nicht nur, weil gerade die Frankfurter Buchmesse beginnt, sondern einfach, weil du das wissen solltest.

Du bist etwas Besonderes.

Herbst, Kastanien und die Sache mit der Zeit

Nun ist es also amtlich: Der Herbst ist da.
Herbst Typo_klein
Und es ist tatsächlich so, dass die Schlagzahl bereits merklich angezogen hat. Diese Woche flog nur so an mir vorbei und ich musste häufig kurz innehalten, um zu überlegen, welcher Wochentag eigentlich ist. Umso wichtiger, die nächsten Tage mal wieder bewusst wahrzunehmen. Ist schließlich meine Lieblingsjahreszeit, die da so vorbeirast.
Oder anders: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, um einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen.“ Das hat Astrid Lindgren mal gesagt und ich finde, sie hat definitiv recht. Der Satz gehört mit zu meinen Lieblingszitaten. Irgendwie scheint der moderne Mensch ein verkorkstes Verhältnis zur Zeit zu haben. Deswegen erinnere ich mich selbst gern immer mal wieder daran, auch die „nichtproduktive“ Zeit zu schätzen und Dingen/Abläufen/Arbeiten die Zeit zu lassen, die sie brauchen. Beschleunigung ist eine prima Sache, wenn man den entsprechenden Streifen der Autobahnauffahrt vor sich hat (und wir haben hier im Ruhrgebiet extrem kurze Auffahrten …), sie ist aber nicht in jedem Fall hilfreich.
Und da das ja immer gern etwas praktisch werden darf, habe ich mir gleich mal eine kleine Installation gebaut:
Take your time_typo_klein
Kastanien sammeln stand sowieso auf meiner Herbstliste. Eigentlich wollte ich mal wieder richtig alberne Kastanienmännchen basteln, habe es aber bisher nicht auf die Reihe bekommen. Und ich bin außerdem ein Fan von schnellen Lösungen (soviel zum Thema Zeit nehmen). Deswegen habe ich einfach ein paar Kastanien mit Tafelfarbe bemalt. So lassen sie sich immer wieder neu mit Kreide beschriften und werden quasi zum Buchstabenjoker. In der Kombination kam auch endlich mal die Buchstabensammlung zum Einsatz, die eigentlich zum Drucken gedacht ist, aber so auch sehr schön zur Geltung kommt. Und da mein Sammelsurium kein vollständiges Alphabet beinhaltet, waren die „Blanko-Kastanien“ doppelt nützlich.

Ich werde jedenfalls versuchen, mit am Wochenende Zeit zu nehmen und bin gespannt, wie gut das klappt.
Schöne Septembertage mit Zeit zum „Dasitzen“ wünscht
Anne